Sonntag, 19. April 2026 ab 16:30 Uhr
Martinskirche auf dem Christenberg
- Nos autem gloriari oportet Gregorianische Antiphon aus dem Graduale Romanum mit Organistrum, dem geistlichen Vorläufer der Drehleier
- Victimae paschali laudes Wipo von Burgund (vor 1000 – nach 1047), mit Organistrum
- Laus trinitati Hymnus von Hildegard von Bingen (1098-1179), begleitet mit Shrutibox
- Ductia Mittelalterlicher Tanz für gr. Sinfonia (weltlicher Vorläufer der Drehleier) und verschiedene Blockflöten
- Ce fu en mai Moniot d’Arras (1190-1239), mit gr. Sinfonia und Blockflöte, frühe Mehrstimmigkeit (Ars antiqua)
- Tant con je vivrais Adam de la Halle (ca.1230-1287), 3-stimmig (Ars Nova) mit Organistrum
- Alle, psallite – Alleluya anonym, 3-stimmig, Frühe Mehrstimmigkeit (Ars Nova) mit Organistrum
- Der oben swebt Oswald von Wolkenstein (1377-1445) mit Organistrum
- Wer das elent bawen wel Deutsches Jakobspilgerlied mit Organistrum
- Quand nous partimes Französisches Jakobspilgerlied mit Organistrum
- Hymnus de S. Jacobus aus dem Codex Calixtinus, 12. Jh. mit Organistrum
- Verbum bonum et suave aus dem Codex Las Huelgas, 13. Jh. mit Organistrum
- Mittelalterlicher Tanz für kleine Sinfonia, weltlicher Vorläufer der Drehleier, Kirchentonarten einstellbar
- Basse danse La Mourisque aus der Sammlung Tilman Susato für gr. Sinfonia und Blockflöten, 16. Jh.
- Aufzug der Spielleute aus der Sammlung Tilman Susato für zwei Drehleiern
- Bourree du plaise Mic Baudimant, für kleine Sinfonia (auf alle Kichentonarten einstellbar)
- Heiteres Licht nach dem Hymnus „Phos hilarion“ in der Fassung der evangelischen Michaelsbruderschaft nach mündlicher Überlieferung mit Organistrum
- Spielstück des tschechischen „Lucec“-Ensembles für zwei Drehleiern und Oberstimme
Bonifatius-Ensemble des Musikinstrumenten-Museums Lißberg
Drehleiermusik aus verschiedenen Jahrhunderten
am 19. April 2026 um 16.30 Uhr in Münchhausen, Martinskirche auf dem Christenberg.
Es spielte das Bonifatius-Ensemble Lißberg in folgender Besetzung:
Dr. Martina Spies-Gehrig, Gesang, Drehleier, Organistrum
Gabriele Torp-Biladama, Gesang, Blockflöten, Organistrum
Kurt Racky, Gesang, Sinfonia, Organistrum, Drehleier, Leitung
Das war fast schon eine Soirée an diesem fortgeschrittenen Nachmittag auf dem Christenberg. Ein spielfreudiges Trio präsentierte Musik, zumeist geistliche, aus sieben Jahrhunderten. Wipo von Burgund, Hildegard von Bingen, Oswald von Wolkenstein – das sind keine Namen, die in irgendwelchen Hitlisten auftauchen.
Und auch die eingesetzten Musikinstrumente, sieht man von den Flöten einmal ab, waren außergewöhnlich. Organistrum, Strutibox, Sinfonia und Drehleier dürften nur bei wenigen Menschen Bilder hervorrufen.
Der Klang der Instrumente wurde begleitet von ein- bis dreistimmigem Gesang. Der romanische Kirchenraum der Martinskirche war wie geschaffen für diese Musik. Und das alles unplugged, denn zu der Zeit, als diese Melodien entstanden, gab es noch keine Verstärker.
Zwischen den Stücken erklärte Kurt Racky die historischen Instrumente und erzählte Interessantes über die Lieder und ihre Verfasser. So war das Konzert eine Mischung aus Musikvortrag und historischer Vorlesung, also eine echte Musikstunde.
Das Publikum honorierte es mit lang anhaltendem Applaus, das Ensemble dankte mit einer dreistimmigen A-Capella Zugabe.
Nach dem Konzert war Gelegenheit, die Instrumente in Augenschein zu nehmen. Wer wollte, durfte selbst einmal versuchen, eine Melodie zu spielen.
Infos zur Drehleier:
Was ist überhaupt eine Drehleier?
Im Prinzip ein Saiteninstrument, jedoch werden die Saiten von einem Rad angestrichen, welches mittels einer Kurbel gedreht wird. Die Melodie wird mit Tasten erzeugt, die Musizierenden haben also „beide Hände voll“ zu tun. Charakteristisch für die Drehleier ist der Grundton, der durch das permanente Anstreichen einer oder mehrerer sogenannter Bordunsaiten erzeugt wird.
Bordun = Halteton zur Begleitung einer Melodie.
Drehleiern gibt es in unterschiedlichen Ausführungen. Als eine der ältesten gilt das Organistrum, dessen Ursprung bis ins zehnte Jahrhundert zurückreicht.

Drehleier mit 10 Saiten. Links die Kurbel, das Anstreichrad liegt unter einer Abdeckung. Rechts davon die Tasten zum Spielen der Melodien.
Musikinstrumenten-Museum in Lißberg:
Das Musikinstrumenten-Museum zeigt die größte Drehleier- und Dudelsack-Sammlung der Welt, außerdem noch zahlreiche andere seltene und teils skurrile Instrumente.
„Der Name der Rose“ – dieser Filmtitel dürfte den meisten von uns ein Begriff sein. Was aber nur Eingeweihte wissen: der Frankfurter Musikinstrumenten-Bauer und -sammler Kurt Reichmann (1940-2025) stellte für den Film einen Nachbau des „Nürnbergisch Geigenwerkes“ her. Näheres dazu und Infos zu diesem speziellen Instrument gibt es im Audio-Guide des Museums auf Station 13.
Nach dem Vorbild der Bremer Stadtmusikanten sind einige der historischen Instrumente vor dem Museum aufgetürmt.

Das Museum hat auf seiner Website einen ausführlichen Audio-Guide. Auf mehr als zwanzig Stationen gibt es alles Wissenswerte zum Museum und zu den Exponaten – zu Lesen und zu Hören!
Kurt Racky und das Bonifatius-Ensemble
Kurt Racky nutzt als Musiker die Möglichkeiten des Museums für Aufführungen von Chor- und Instrumentalmusik – von der frühen Mehrstimmigkeit bis hin zur Gegenwart.
Kurt Racky war 30 Jahre lang der Ortspfarrer von Lißberg. Seit der Eröffnung des Musik-Instrumenten-Museums in Lißberg im Jahr 1990 ist er Leiter des Museums.

So werden seit 2004 auch Konzerte dieser als Bonifatius-Ensemble auftretenden Musizierenden entlang der Bonifatius-Route gegeben. Rund die Hälfte der Chormitglieder tritt auch solistisch auf.
Ziel des Chores ist es, in kleiner Besetzung größere und oftmals vielstimmige Chorkompositionen aus allen Stilepochen neu zu entdecken. In Kombination mit seltenen bis welteinmaligen Instrumenten aus dem Musikinstrumenten-Museum – wie die geistlichen und weltlichen Vorläufer der Drehleier – werden so auch mittelalterliche Gesänge der Vergessenheit entrissen.

